Es gibt dem, was die Zeitungen in Dorsten über den Abend geschrieben haben, nicht viel hinzuzufügen. Anke Klapsing-Reich etwa sprach in der Dorstener Zeitung ein Phänomen an, das für viele Angehörige der Buchmann-Generation gilt und das in wenigen Worten den Hintergrund dieses Buchprojekts beschreibt: "„In all den Jahren habe ich wenig über meine Kriegsjahre gesprochen, auch meinem Sohn habe ich kaum davon erzählt“, konstatiert Johannes Buchmann. Umso dankbarer ist er, dass er es im hohen Alter doch noch mit Hilfe von Jürgen Kalwa geschafft hat, die Sprachlosigkeit zu überwinden und die vielfältigen Eindrücke aus dieser kriegswahnsinnigen Zeit festzuhalten." Das war eine wichtige Feststellung.
Jo Gernoth formulierte in der Dorstener WAZ-Ausgabe (nicht online erschienen) sein Fazit in Anspielung an den Buchtitel: "In Dorsten wurde nichts zerstört an diesem Montag: Nicht die Würde eines alten Dorsteners, nicht das Bemühen eines Vereins, die jüngere Zeitgeschichte zu beleuchten und auch nicht die Gewissheit, dass Dorsten aus der Vergangenheit gelernt hat."
Beide sehr ausführlichen Berichte zeigen, wie differenziert und auch distanziert Nachgeborene 60 Jahre später in der Stadt mit dem Stoff und den Informationen umgehen, die zunächst nicht mehr sein können als ein sehr persönlicher Beitrag zur Abbildung einer sehr viel größeren geschichtlichen Erfahrung und zwar "ohne in irgendeiner Form revanchistisch oder kriegsverherrlichend zu sein", wie Gernoth in seinem Text betonte.
In Dorsten befindet sich übrigens seit ein paar Jahren das Jüdische Museum Westfalen. Es erinnert nicht nur daran, was die zwölf Jahre, die für die Überlebenden der Nazi-Zeit zu einer Last wurden, am Boden zerstörten. Es dokumentiert auch die Entwicklung eines ganzen Landes hin zu einer Neubesinnung. Das Museum ist mehr als nur einen einzigen Besuch wert, weil es nicht nur den Holocaust wach ruft, sondern auch die erheblichen Kulturleistungen des deutschen Judentums, die von den Trümmern von 1945 verschüttet zu werden drohten. Es gilt, auch die nicht zu vergessen.
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Freitag, 18. März 2011
Donnerstag, 30. Dezember 2010
Rückkehr an einen symbolträchtigen Ort
Johannes Buchmann ist selbst in seinem Alter noch ein ziemlich aktiver Mensch. Er fährt Auto (auf den wenig befahrenen Straßen der dörflichen Region im Nordwesten von Connecticut). Und er fliegt einmal im Jahr in seine Heimatstadt Dorsten. Der nächste Termin steht inzwischen fest. Und der Anlass auch: Im kommenden März soll im Alten Rathaus am Markt eine Veranstaltung stattfinden, bei der er sein Buch vorstellen wird.
Das besagte Rathaus und der Markt spielen im Leben von Johannes Buchmann eine besondere Rolle. Im Haus gleich nebenan ist er aufgewachsen. Und es gehört zu jenen Kollateralschäden des Krieges, die er in seinem Buch beschreibt. Zu dem Rest, der am Boden zerstört wurde. Das Rathaus hingegen blieb als einziges Gebäude beim britischen Bombenangriff am 22. März 1945 fast unversehrt stehen. Der Name wirkt auf Ortsfremde vermutlich irreführend. Denn als Sitz der örtlichen Verwaltung wurde das Gebäude schon damals nicht mehr genutzt. Heute kümmert sich ein privater Trägerverein um das Kulturdenkmal aus dem 16. Jahrhundert, dessen Räumlichkeiten bis 2003 als Heimatmuseum genutzt wurden. Die jüngere Geschichte des Marktes in Bildern erzählt die Webseite von Günter Grau.

Das besagte Rathaus und der Markt spielen im Leben von Johannes Buchmann eine besondere Rolle. Im Haus gleich nebenan ist er aufgewachsen. Und es gehört zu jenen Kollateralschäden des Krieges, die er in seinem Buch beschreibt. Zu dem Rest, der am Boden zerstört wurde. Das Rathaus hingegen blieb als einziges Gebäude beim britischen Bombenangriff am 22. März 1945 fast unversehrt stehen. Der Name wirkt auf Ortsfremde vermutlich irreführend. Denn als Sitz der örtlichen Verwaltung wurde das Gebäude schon damals nicht mehr genutzt. Heute kümmert sich ein privater Trägerverein um das Kulturdenkmal aus dem 16. Jahrhundert, dessen Räumlichkeiten bis 2003 als Heimatmuseum genutzt wurden. Die jüngere Geschichte des Marktes in Bildern erzählt die Webseite von Günter Grau.
Montag, 6. Dezember 2010
Das Video zum Buch
Als Produzent von Videobiographien weiß man um die Möglichkeiten von Bewegtbildern. Deshalb habe ich im Laufe der letzten Tage ein Video zusammengestellt, das einige Aspekte des Buches von Johannes Buchmann aufgreift und ihn als Person plastischer macht. Es enthält ein Interview mit ihm, Auszüge aus den aufgezeichneten Gesprächen und eine Reihe von Dokumentaraufnahmen aus amerikanischen und russischen Archiven, die das Ganze optisch verstärken.
Im ersten Teil spricht Johannes Buchmann über eine denkwürdige Begegnung während des Krieges mit einem guten Bekannten aus seiner Heimatstadt Dorsten. Der Bekannte hieß Theodor Nordmann und war in jener Zeit nicht nur in seinem Geburtsort ziemlich berühmt. Er hatte als Stuka-Pilot eine ganz erstaunliche Menge an Einsätzen absolviert und war nach und nach bis in den Dienstrang eines Majors aufgerückt. Seine Position am Ende: Kommodore des Schlachtgeschwaders 3. Nur kurz bevor Buchmann als Bordfunker einer mit vier Mann besetzten Junkers Ju-88-Besatzung nach Sizilien beordert wurde, war auch Nordmann im Mittelmeerraum geflogen. Er kam nur mit viel Glück wieder zurück, als er 20 Stunden nach einem Absturz in einem Schlauchboot driftend aus dem Wasser gefischt wurde.
Was die beiden deutlich unterschied: Der drei Jahre ältere Nordmann war ein weitaus ehrgeizigerer Mensch, dem das zum Verhängnis wurde, als er kurz vor dem Ende des Krieges in Ostpreußen ums Leben kam. Über die Todesursache gibt es unterschiedliche Versionen. Die offizielle lautet: Er sei in der Luft mit seinem Flugzeug mit der Maschine eines Rottenkameraden zusammengestoßen und abgestürzt. Die andere Version enthüllt Johannes Buchmann in seinem Buch. Die Quelle: Nordmanns Schwester, die Buchmann 2005 in der österreichischen Stadt Linz besuchte. Auf seiner Spurensuche, die ihn in jene Stadt führte, in der zwischen Mai und Juli 1945 in einem Lager der Sowjetischen Armee gefangen war, ehe er sich durch eine couragierte Flucht Richtung Heimat absetzen konnte.
Theodor Nordmann, den alle nur Theo nannten, war
zu Lebzeiten für Dorsten eine Identifikationsfigur. So berichtete die Dorstener Zeitung 1991 in einem Artikel (Bild rechts im Ausriss) über Soldaten und Offiziere der Stadt ("in der Zeit der Nationalsozialismus waren sie die Stars") über ein besonderes Ereignis. Seine Heimatstadt ließ dem mit dem Ritterkreuz (plus Eichenlaub und Schwertern) bedachten Luftwaffenmajor eine weitere Auszeichnung zuteil werden. Nordmann wurde zum Ehrenbürger ernannt und trug sich bei einer Veranstaltung ins Goldene Buch ein. Die Zeitung sprach knapp 50 Jahre später in der Überschrift von einer "betrogenen Generation". Eine Einschätzung, die, wie Johannes Buchmann im Video andeutet, auf Nordmann sicher nicht zutraf. Der sei zwar alles andere als ein Anhänger von Vorgesetzten wie dem outrierten Hermann Göring gewesen. Aber er habe gleichzeitig den Ehrgeiz gehabt, "ein vorbildlicher deutscher Offizier zu sein. Und das saß ihm in den Knochen. Und das war er auch." Nordmann – Jahrgang 1918 – wurde 26 Jahre alt.
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