Donnerstag, 30. Dezember 2010

Rückkehr an einen symbolträchtigen Ort

Johannes Buchmann ist selbst in seinem Alter noch ein ziemlich aktiver Mensch. Er fährt Auto (auf den wenig befahrenen Straßen der dörflichen Region im Nordwesten von Connecticut). Und er fliegt einmal im Jahr in seine Heimatstadt Dorsten. Der nächste Termin steht inzwischen fest. Und der Anlass auch: Im kommenden März soll im Alten Rathaus am Markt eine Veranstaltung stattfinden, bei der er sein Buch vorstellen wird.
Das besagte Rathaus und der Markt spielen im Leben von Johannes Buchmann eine besondere Rolle. Im Haus gleich nebenan ist er aufgewachsen. Und es gehört zu jenen Kollateralschäden des Krieges, die er in seinem Buch beschreibt. Zu dem Rest, der am Boden zerstört wurde. Das Rathaus hingegen blieb als einziges Gebäude beim britischen Bombenangriff am 22. März 1945 fast unversehrt stehen. Der Name wirkt auf Ortsfremde vermutlich irreführend. Denn als Sitz der örtlichen Verwaltung wurde das Gebäude schon damals nicht mehr genutzt. Heute kümmert sich ein privater Trägerverein um das Kulturdenkmal aus dem 16. Jahrhundert, dessen Räumlichkeiten bis 2003 als Heimatmuseum genutzt wurden. Die jüngere Geschichte des Marktes in Bildern erzählt die Webseite von Günter Grau.

Dienstag, 21. Dezember 2010

Alpträume dank Fernsehen

Vor ein paar Wochen ist der Schauspieler Heinz Weiss gestorben. Die Nachricht hat in den USA nur wenige Menschen interessiert. Da kannte ihn niemand. In Deutschland hat es für ihn im Laufe der Jahre zu nicht mehr als einer soliden, aber eher durchschnittlichen Karriere gereicht. Weiss war den meisten am Ende vor allem als Kapitän der Traumschiff-Serie bekannt.

Für mich allerdings war er durchaus jemand – nämlich der Mann, der Clemens Forell gespielt hatte, den deutschen Offizier, der es schafft, sich 1949 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft in Ostsibirien abzusetzen, tausende von Kilometer durch Einsamkeit und Schnee hinter sich bringt und 1952 über die Grenze nach Persien gelangt. Ich habe seine Erlebnisse in dem Sechsteiler So weit die Füße tragen 1959 bei der Erstausstrahlung im Fernsehen gesehen – als Sechsjähriger, der von der scheinbar aussichtslosen Lage dieser Figur schier überwältigt war. Nachts hatte ich Alpträume.

Das Buch, das der Verfilmung zu Grunde liegt, basierte angeblich auf einer wahren Geschichte. Jahre nach dem Tod des Autors Josef Martin Bauer stellte sich heraus, dass es sich dabei um eine von vorne bis hinten erfundene Story gehandelt haben muss. Aber der Stoff, 1955 veröffentlicht, passte in die Zeit. Denn erst damals, zehn Jahre nach Ende des Krieges, kamen nach ausgiebigen Verhandlungen auf oberster Regierungsebene die letzten Kriegsgefangenen aus der UdSSR nach Deutschland zurück, während wohl mindestens eine Million deutscher Soldaten auf dem Weg in die Lager und in der Zeit dort ums Leben kam.

Wie spielt man einen abgerissenen Flüchtling, der nur von einer Idee besessen ist, der trotz aller Gefahr nicht aufgibt und der nach seiner Flucht über die rettende Grenze ins Gefängnis gerät und dort beinahe den Verstand verliert? Heinz Weiss war kein method actor der amerikanischen Schule, sondern jemand, der im Theater gelernt hatte. Und Regisseur Fritz Umgelter war wohl auch eher an der platten Umsetzung von Szenen interessiert, anstatt subtil den Spannungszustand und das Befinden der Hauptfigur aufzuschlüsseln. So wirkt das Produkt in der Analyse 50 Jahre später allzu dröhnig und gewollt. Wahrscheinlich hätte Weiss das auch sehr viel stiller spielen können und nicht so krawallig. Das schien jedoch niemand zu stören, wie das Lexikon des Internationalen Films schrieb, "da ein unbescholtener Deutscher in der Rolle des Kriegs-Opfers gezeigt wurde. So paßte die Produktion auch ideologisch in das Klima der Zeit des Kalten Krieges, ohne zuviel politischen Zündstoff zu bieten."

An Weiss und So weit die Füße tragen musste ich unweigerlich am Anfang der Zusammenarbeit mit Johannes Buchmann denken, der in seinem Buch das Erlebnis seiner Flucht aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft erzählt. Das war der typische Reflex von jemandem, der nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde und der als junger Mensch mit einer nachvollziehbaren, aber irreführenden Erinnerungsleistung der Kriegsgeneration konfrontiert wurde. Die Nachklänge ließen sich in der Arbeit am konkreten Material allerdings sehr leicht abarbeiten. Und wer auf YouTube diese Szenen aus der Fernsehserie gesehen hat, muss sich gar nicht richtig anstrengen, der Realität auf den Fersen zu bleiben. Das richtige Leben ist anders.

Samstag, 18. Dezember 2010

Der 9. März 1945 in der Stadt Datteln

Der Altersunterschied zwischen Johannes Buchmann und mir beträgt etwas mehr als 30 Jahre. Dennoch gibt es Duplizitäten in unser beider Leben. Nicht nur jene, dass wir beide auf der Suche nach neuen Herausforderungen in unseren Dreißigern in die USA gegangen sind. Die Parallelen betreffen vor allem die Kriegsjahre. Buchmanns Heimatstadt Dorsten liegt nur wenige Kilometer von der Heimatstadt meiner Mutter entfernt, von Datteln, das ebenfalls zum Kreis Recklinghausen gehört. So wie Buchmanns wurde auch ihr elterliches Haus bei einem Bombenangriff 1945 komplett zerstört. Sie selbst überlebte den Angriff nur knapp in einem Bunker in der Nachbarschaft.

Sie wohnte damals in einer Straße unweit der großen Schleuse, die am Ostende des Wesel-Datteln-Kanals den Wasserpegel zum Datteln-Hamm- und Dortmund-Ems-Kanal ausgleicht. Der Wesel-Datteln-Kanal verläuft entlang der Lippe und passiert 20 Kilometer weiter westlich die Stadt Dorsten. Was am 9. März 1945 zwischen 13:56 und 14:12 Uhr passierte, hat eine Webseite der Freiwilligen Feuerwehr Datteln folgendermaßen beschrieben:

"Grossangriff mit über 1.200 Sprengbomben auf die Zeche und das Wohngebiet der Stadt Datteln. 140 Tote und 73 Verletzte in der Zivilbevölkerung, 325 Kriegsgefangene tot, 64 verletzt; 482 zerstörte bzw. schwer beschädigte und 775 mittelschwer sowie ca. 1.000 leicht beschädigte Häuser. Datteln-Wesel Kanal bis Schleuse Ahsen, Dortmund-Ems-Kanal bis Henrichenburg und Datteln-Hamm-Kanal bis Waltrop ausgelaufen. Sachsschaden ca. 70 Millionen Reichsmark.Zerstört werden u. a. die Josephsschule und die Kirche in Hagem, das Kolpinghaus und die Amanduskirche. Das Krankenhaus wird schwer beschädigt."

Das Wort "ausgelaufen" klingt ziemlich harmlos. Tatsächlich war die nördliche Kanalböschung durch einen schweren Bombentreffer aufgerissen worden. Und so stürzten sich die Wassermassen nach Norden in die flachen, landwirtschaftlich genutzten Gebiete, in denen nur sehr wenige Menschen lebten. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, was passiert wäre, wenn die Stadtseite des aufgedämmten Kanals zerstört worden wäre. Das Wasser wäre dann in die bereits zerstörte Innenstadt von Datteln gelaufen, wo Menschen in den Kellern saßen und auf Entwarnung warteten.

Was genau das Ziel der Bomben war, konnten die Menschen an jenem Tag nicht nachvollziehen. Angesichts der schweren Schäden im Zentrum drängte sich zunächst eigentlich nur ein Schluss auf: Dass es sich nicht um einen punktgenauen Angriff handelte, der etwa die Schleuse selbst und die dortige Flakstellung ausschalten sollte. Es wirkte eher wie eine Version aus dem Strategiebuch der zermürbenden, flächendeckenden Zerstörung, wie sie gegen Ende des Krieges häufig stattfand. Fünf Tage später kamen die Bomber wieder. Diesmal gab es 34 Tote in der Zivilbevölkerung und weitere Verwüstung im Stadtgebiet. Dazu ein Großbrand auf der Zeche Emscher-Lippe, die als Benzol-Produktionsstandort eine kriegswichtige Bedeutung hatte. Am 2. April, dem Ostermontag war schließlich alles vorbei. Da marschierten Truppenteile der 9. US-Armee in die Stadt ein.

Die Aufzeichnungen der Royal Air Force aus jener Zeit geben zumindest Anhaltspunkte, um was es bei dem Angriff vom 9. März in der Hauptsache ging. Die 159 Lancaster-Maschinen der No. 3 Group fanden beim Anflug eine wolkenverhangene Zielregion vor. Irgendwo da unten, so wussten sie, lag die Benzol-Anlage der Zeche Emscher Lippe. Die sollte außer Gefecht gesetzt werden. "Der Bombenabwurf schien präzise verlaufen zu sein", notierte die RAF den Ablauf der Ereignisse damals. "Aber Ergebnisse waren nicht zu sehen." Kein Wunder. Die Bomberbesatzungen warfen ihre Ladung blind ab. Die Positionsbestimmung für den Abwurf errechnete man mit der sogenannten Gee-H-(oder auch G-H) Methode, die auf einer Navigation per Funk basierte. Je weiter die Flugzeuge von ihrem Ausgangspunkt entfernt waren, desto größer war die Abweichung (bis hin zu mehreren Kilometern).

Es dauerte übrigens mehrere Jahre, bis das Haus meiner Mutter wieder aufgebaut war. Kurze Zeit später entschied sie sich, vom Nordrand des Ruhrgebiets in das industriell aufblühende Südwestfalen zu ziehen. Ich habe später auf mehreren Reisen nach Datteln das Haus, den Kanal und die Schleuse gesehen. Von den Bombenschäden waren keine Spuren geblieben.

Samstag, 11. Dezember 2010

Fußnoten und Quellen

Eine der Fragen, die sich jemand ständig vorlegt, der einen Zeitzeugen interviewt und anschließend dessen Erinnerungen für ein Buch zusammenstellt, ist die nach der Glaubwürdigkeit der Darstellung. Ist das alles wirklich so passiert? Und wenn ja, was sagt es aus?

Man gerät in einer solchen Situation rasch in die Denkschablone eines Detektivs oder der eines Staatsanwalts im Kreuzverhör. Man hakt nach. Man bemüht sich darum, die Löcher in der Geschichte auszufüllen. Man grübelt über das Verhalten von Menschen in extremen Lebenslagen nach. Man sucht nach dem Sinn. Ganz besonders im Fall von Erinnerungen von Angehörigen der Wehrmacht, die, wie wir heute wissen, in vielen Phasen und an vielen Orten in Verbrechen verwickelt waren.

Aber ein Pauschalverdacht kann einem die Sinne trüben. Und das ist keine gute Ausgangslage, wenn man zunächst einmal völlig neutral die Erinnerungen eines Menschen aufzeichnen will. Meine Skepsis bei solchen Projekten zielt vor allem auf die Detailstruktur der Erzählungen ab. Ich möchte sicherstellen, dass sich das Geflecht aus vielen Erinnerungen nicht zu unauflöslichen Widersprüchen verknotet. Und dass nicht fiktive Eingebungen die Erlebnisrealität einfärben.

Wie intensiv das Ergebnis ausfällt, liegt an der Emotionslage des Autors. Nicht jeder dreht in einem solchen Augenblick das Innerste nach außen. Manch einer geht mit dem Trauma von Sterbensangst und Todesrisiko lieber distanziert um. Es ist ein Selbstschutzmechanismus, der bei seinen Praktikern auch noch sechzig Jahre später nachwirkt.

Wichtig finde ich, dass ein derart spät formulierter Bericht mit seinen tausenden von Einzelheiten und Dialogfetzen nicht so klingt, als sei das meiste einfach nur imaginiert. Darin waren Johannes Buchmann und ich uns stets einig. Es geht um eine wahrhaftige Darstellung. Nicht um eine künstlich aufgebauschte.

Um dem Verdacht entgegenzuwirken, enthält "Der Rest wurde am Boden zerstört" zahllose Fußnoten, die sich darum bemühen, die einzelnen Begebenheiten und Abläufe zu ergänzen, einzuordnen und faktisch abzusichern. Mitunter werden im Text auch Mutmaßungen formuliert. Aber die sind jeweils als solche gekennzeichnet. Es ging nämlich als Arbeitsprinzip darum, mit dieser einen persönlichen Geschichte als Beitrag zu einer Gesamtgeschichte eine Stimme zu Wort kommen lassen, die stimmt.

Dieses Ziel kann man eigentlich nur dann erreichen, wenn man hinreichend Sekundärliteratur heranzieht. Die hat im Fall der Buchmannschen Erlebnisse entscheidend geholfen, das Detailbild seiner Blickperspektive aufzubrechen und gleichzeitig auszuweiten. So flossen in diese Memoiren zum Beispiel Erkenntnisse aus zwei entscheidenden Quellen über die Situation nach dem Ende des Krieges in der österreichischen Stadt Waidhofen an der Thaya ein, wo Johannes Buchmann zwei Monate als Gefangener der Roten Armee verbrachte: das Buch von Christoph Schadauer mit dem Titel "Das Jahr 1945 im politischen Bezirk Waidhofen an der Thaya", publiziert 1992, und die Doktorarbeit von Ilse Wais, "Das Kriegsende im Bezirk Waidhofen an der Thaya und die Verhältnisse danach", aus dem Jahr 1985.

Solche Quellen lassen sich selbst im Zeitalter des Internets nicht immer ganz einfach lokalisieren. Doch ohne solchen Input steht man so viele Jahrzehnte nach den beschriebenen Ereignissen schnell auf tönernen Füßen. Mit ihm hingegen bekommt eine derartige Geschichte tatsächlich einen Sinn.

Johannes Buchmann hat übrigens einige wichtige Dokumente aus jener Zeit auf seiner Flucht aus der Gefangenschaft mitgenommmen beziehungsweise auf dem Weg nach Hause erhalten: seinen Wehrpass mit allen Eintragungen, eine Bescheinigung über das Bargeld, das ihm bei seiner Gefangennahme abgenommen wurde, und die Entlassung aus dem deutschen Militär durch eine amerikanische Armee-Einheit in der amerikanischen Besatzungszone in Österreich.

Montag, 6. Dezember 2010

Das Video zum Buch


Als Produzent von Videobiographien weiß man um die Möglichkeiten von Bewegtbildern. Deshalb habe ich im Laufe der letzten Tage ein Video zusammengestellt, das einige Aspekte des Buches von Johannes Buchmann aufgreift und ihn als Person plastischer macht. Es enthält ein Interview mit ihm, Auszüge aus den aufgezeichneten Gesprächen und eine Reihe von Dokumentaraufnahmen aus amerikanischen und russischen Archiven, die das Ganze optisch verstärken.

Im ersten Teil spricht Johannes Buchmann über eine denkwürdige Begegnung während des Krieges mit einem guten Bekannten aus seiner Heimatstadt Dorsten. Der Bekannte hieß Theodor Nordmann und war in jener Zeit nicht nur in seinem Geburtsort ziemlich berühmt. Er hatte als Stuka-Pilot eine ganz erstaunliche Menge an Einsätzen absolviert und war nach und nach bis in den Dienstrang eines Majors aufgerückt. Seine Position am Ende: Kommodore des Schlachtgeschwaders 3. Nur kurz bevor Buchmann als Bordfunker einer mit vier Mann besetzten Junkers Ju-88-Besatzung nach Sizilien beordert wurde, war auch Nordmann im Mittelmeerraum geflogen. Er kam nur mit viel Glück wieder zurück, als er 20 Stunden nach einem Absturz in einem Schlauchboot driftend aus dem Wasser gefischt wurde.

Was die beiden deutlich unterschied: Der drei Jahre ältere Nordmann war ein weitaus ehrgeizigerer Mensch, dem das zum Verhängnis wurde, als er kurz vor dem Ende des Krieges in Ostpreußen ums Leben kam. Über die Todesursache gibt es unterschiedliche Versionen. Die offizielle lautet: Er sei in der Luft mit seinem Flugzeug mit der Maschine eines Rottenkameraden zusammengestoßen und abgestürzt. Die andere Version enthüllt Johannes Buchmann in seinem Buch. Die Quelle: Nordmanns Schwester, die Buchmann 2005 in der österreichischen Stadt Linz besuchte. Auf seiner Spurensuche, die ihn in jene Stadt führte, in der zwischen Mai und Juli 1945 in einem Lager der Sowjetischen Armee gefangen war, ehe er sich durch eine couragierte Flucht Richtung Heimat absetzen konnte.

Theodor Nordmann, den alle nur Theo nannten, war zu Lebzeiten für Dorsten eine Identifikationsfigur. So berichtete die Dorstener Zeitung 1991 in einem Artikel (Bild rechts im Ausriss) über Soldaten und Offiziere der Stadt ("in der Zeit der Nationalsozialismus waren sie die Stars") über ein besonderes Ereignis. Seine Heimatstadt ließ dem mit dem Ritterkreuz (plus Eichenlaub und Schwertern) bedachten Luftwaffenmajor eine weitere Auszeichnung zuteil werden. Nordmann wurde zum Ehrenbürger ernannt und trug sich bei einer Veranstaltung ins Goldene Buch ein. Die Zeitung sprach knapp 50 Jahre später in der Überschrift von einer "betrogenen Generation". Eine Einschätzung, die, wie Johannes Buchmann im Video andeutet, auf Nordmann sicher nicht zutraf. Der sei zwar alles andere als ein Anhänger von Vorgesetzten wie dem outrierten Hermann Göring gewesen. Aber er habe gleichzeitig den Ehrgeiz gehabt, "ein vorbildlicher deutscher Offizier zu sein. Und das saß ihm in den Knochen. Und das war er auch." Nordmann – Jahrgang 1918 – wurde 26 Jahre alt.

Sonntag, 5. Dezember 2010

Aus erster Hand

Jeder Mensch hat eine Geschichte, die es verdient, aufgezeichnet zu werden. Das ist der Leitgedanke, mit dem ich seit ein paar Jahren neben meiner Arbeit als Journalist für deutsche und Schweizer Zeitungen und Radiosender an die Aufgabe herangehe, die Lebenserinnerungen von Privatleuten aufzunehmen, um sie für die Nachwelt zu erhalten.

Auf diese Weise sind eine Reihe von umfangreichen Videoproduktionen entstanden, in denen die Hauptpersonen vor der Kamera ihre Biographie und die ihrer Familien erzählen. In Amerika zählt man solche Produktionen zur Kategorie "oral history". Das ist so etwas wie eine Geschichtsschreibung von unten. Sie basiert nicht auf Depeschen und Akten, Protokollen und Tagebüchern, sondern auf der Gedächtnisleistung von Menschen, deren Leben durch zahllose Ereignisse nachhaltig geprägt wurde.

Man lernt sehr viel bei solchen Produktionen. Ich habe auf diese Weise beispielsweise aus erster Hand Geschichten von jungen deutschen Juden erfahren, die nach einem Aufenthalt im KZ auswandern konnten und nur knapp der Vernichtungsmaschinerie entkamen. Ich habe so bei einer anderen Gelegenheit zum ersten Mal davon erfahren, auf welche Weise mutige Frauen in den Niederlanden während der Besatzungszeit Juden in ihrem Haus versteckten und dafür sorgten, dass alle den Terror überlebten. Ich saß unter anderen Vorzeichen dem ehemaligen Sicherheitschef eines berühmten amerikanischen Generals gegenüber und erfuhr von ihm, wie es in jenen Jahren im US-Militär zuging.

Eine Perspektive jener Zeit hatte ich auf diesem Weg bis vor einem Jahr nicht kennengelernt: die des klassischen deutschen Soldaten, der jenen Teil der Geschichte repräsentierte, ohne den das Leid der anderen nicht erst entstanden wäre. Die Gelegenheit dazu ergab sich Ende 2009 ganz zufällig bei einer Veranstaltung der Öffentlichen Bibliothek der kleinen Stadt Sharon in Connecticut, in der der ehemalige Luftwaffen-Feldwebel Johannes Buchmann lebt. Buchmann war Anfang der fünfziger Jahre aus beruflichen Gründen in die USA gezogen und hatte im Laufe der Zeit in der attraktiven Neu-England-Landschaft ein zweites Zuhause gefunden.

Der einstige Bordfunker wollte keine Videobiographie produzieren, sondern seine Erinnerungen in Buchform herausbringen. So begannen wir vor einem Jahr mit diesem Projekt, dessen Grundgerüst aus mehr als 20 Stunden Interviews besteht. Die vielen Detailinformationen wurden anschließend durch zahllose Recherchen angereichert, um die einzelnen Episoden und Erlebnisse in einen informativen Kontext zu stellen. Der gestattet Generationen, die nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden, die Gedanken und Entscheidungen, die Gefahr, das Dilemma und die Traumatisierung eines Menschen einzuordnen, dem es so erging wie Millionen. Diese eine Geschichte sticht jedoch zugleich aus den vielen heraus, die im Laufe der Jahre erschienen sind. Es ist keine Rechtfertigungsliteratur und keine Landser-Prosa, sondern eher so etwas wie die Geschichte eines modernen Simplicissimus, jener berühmten Figur aus der deutschen Literaturgeschichte, der mit einer besonderen Mischung aus Fatalismus, Vorsicht und Energie das Schlimmste überstand.